Zeitungsartikel

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Weyhe steigert sich von fünf auf 80 Fahrgäste pro Tag   - 04.02.2010
Neuer Fahrgastrekord für den Bürgerbus
Von JEAN-CHARLES FAYS
Weyhe. Bürgerbusse werden im Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen (VBN) immer beliebter. Im vergangenen Jahr erreichten die ausschließlich von Ehrenamtlichen gesteuerten Busse mit 78468 Fahrgästen einen neuen Rekord. Der Kundenzuwachs betrug 39 Prozent zum Vorjahr. Der Sprecher des VBN-Zweckverbandes, Stefan Bendrien, begründete den Rekord mit dem steigenden Bekanntheitsgrad und neuen, komfortableren Fahrzeugen.
Auf dem flachen Land sind die Außenbereiche häufig schlecht mit 
öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Ein Bürgerbus könnte das 
Problem lösen.
Auf dem flachen Land sind die Außenbereiche häufig schlecht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Ein Bürgerbus könnte das Problem lösen.

Mittlerweile gibt es sieben der rot-weißen Kleinbusse im Verbundgebiet. 2001 startete der erste in Weyhe, 2003 folgte der nächste in Hude, 2005 ein weiterer in Ganderkesee und 2008 bedienten sich auch die drei Ortschaften Bassum, Syke und Butjadingen des Erfolgsmodells. Erst im Oktober 2009 wurde Kirchlinteln, die flächenmäßig größte Gemeinde im Landkreis Verden, mit einem Bürgerbus ausgestattet.

Schwieriger Anfang

Wie jeder der sieben Bürgerbusvereine brauchen auch die Kirchlintler ihre Zeit bis sie sich etablieren. Busfahrer Adolf Rademacher räumt ein: 'Manche sagen: Immer, wenn euer Bus an mir vorbeifährt, ist da ja gar keiner drin.' Doch von den Nörglern lässt sich der Vorsitzende des Kirchlintler Bürgerbusvereins nicht beirren und sagt: 'Am Anfang ist es überall schwer.' Schließlich sei das Prinzip ehrenamtlicher Personenbeförderung in Kirchlinteln noch neu und Neuem stehe man zunächst eher kritisch gegenüber. 'Es dauert seine Zeit bis die Fahrgäste sich endlich trauen einzusteigen und zu sagen: ,Heute habe ich mir mal vorgenommen, das hier auszuprobieren?', sagt der ehemalige Fahrschullehrer.

Bis Dezember nutzten den Bürgerbus durchschnittlich nur elf Personen pro Tag. Rademacher und seine 14 ehrenamtlichen Kollegen haben damit zu kämpfen, dass sie im Schnitt nur ein bis zwei Personen pro Stunde, und auf manchen der zweistündigen Routen nicht eine einzige Person in ihrem für acht Fahrgäste ausgelegten Kleinbus befördern können. Deshalb ist es für den 65-jährigen Rentner umso wichtiger, Stammgäste zu haben, die ihn motivieren und sagen: 'Mensch, was ihr hier macht, das ist wirklich eine tolle Sache!'
Die Ehrenamtlichen fahren auf ihrer Route 180 Kilometer. Jeder Fahrer fährt in seiner Schicht zwei Routen - entweder von 8 bis 12.30 Uhr oder von 14 bis 18.30 Uhr. Jede halbe Stunde wird dabei die Ortsmitte von Kirchlinteln angesteuert. Von dort aus werden sternförmig neun umliegende Dörfer bedient, die zuvor keine Busanbindung hatten. Rademacher sagt: 'Es tut gut, wenn Menschen auf mich zukommen und sagen: Danke, dass ihr da seid. Endlich komme ich nach Kirchlinteln, ohne auf fremde Hilfe angewiesen zu sein.'
Im Januar kamen im Schnitt zwei bis drei Fahrgäste mehr pro Tag. Wenn sich diese Zahl auf 17 Personen pro Tag steigert, hätte Rademacher bereits das vor Beginn des Projekts in einer Machbarkeitsstudie der Gemeinde ausgegebene Ziel erreicht. Trotzdem schaut Rademacher noch etwas neidisch nach Weyhe, wo inzwischen 80 Personen pro Tag befördert werden. Doch auch Weyhe musste sich diese Fahrgastzahl über Jahre erarbeiten. Der Beginn des Projekts im Juni 2001 verlief beim ersten Bürgerbusverein im Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen sogar noch schlechter als in Kirchlinteln. Zunächst fuhren in der 30000-Einwohner-Gemeinde durchschnittlich nur fünf Fahrgäste pro Tag. Der heutige Vereinsvorsitzende Franz Riedel war von Beginn an fünf Jahre als ehrenamtlicher Busfahrer dabei und 2001 zunächst auch frustriert. Freitagnachmittags hatte sich Riedel extra für seine Busfahrer-Schicht in seinem eigentlichen Beruf frei genommen und bekam auf seinen vierstündigen Touren teilweise nicht einen Fahrgast zu Gesicht.
Fahrgastzahlen gesteigert
'Doch das hat sich mit der Zeit verändert. Wir haben unsere Strecke immer wieder dem Bedarf angepasst und sind immer bekannter geworden. Dadurch haben wir auch immer mehr Fahrgäste bekommen', sagt der 57-jährige Arbeitsvermittler heute zufrieden. So sei die Fahrgastzahl durch fünf Linienänderungen und jahrelange verlässliche Arbeit kontinuierlich bis auf 80 Passagiere täglich gesteigert worden. Die Zeiten seien dabei immer dieselben geblieben. Inzwischen hat der Bürgerbus rund eine halbe Million Kilometer zurückgelegt. Wegen des großen Erfolgs und des noch immer nicht erschöpften Bedarfs ist im Mai 2009 sogar ein zweiter Bus hinzugekommen. Die neue Linie trifft sich mit der alten und kann nun auch Außenbereiche wie Erichshof, Melchiorshausen und Jeebel ansteuern.

Riedel ist froh, dass er sich vor neun Jahren von dem mangelnden Zuspruch nicht abschrecken ließ, denn der ungebrochene Glaube hat den Bürgerbus zu dem gemacht, was er heute ist: Ein Erfolgsmodell für die Zukunft, denn noch in diesem Jahr werden in Sottrum und Westerstede zwei neue Bürgerbusse Fahrt aufnehmen, und Vorbild für die anderen sechs Vereine, die Weyhes Bürgerbus-Modell seither im Verkehrsverbund kopiert haben. Seinen neuen Kollegen in den Partnervereinen rät Riedel, sich in Geduld zu üben: 'Es dauert seine Zeit bis sich das Prinzip Bürgerbus rumspricht, aber wenn es soweit ist, dann ist es ein wirklich überzeugendes Modell für jedermann - vom führerscheinlosen Schüler bis zum fußkranken Rentner.'